Mainz, 18. Dezember 2018
Auswärts fahren bietet in unserem
komplett verplanten Alltag eine Möglichkeit, Unplanmäßiges
geschehen zu lassen, überraschend positive Erlebnisse zu sammeln
oder auch negative Erfahrungen zu machen. An dieser Stelle berichte
ich über meine rein subjektiven Eindrücke rund um die jeweilige
Auswärtsfahrt, jeweils mit ein wenig Abstand betrachtet – eine
Spätlese eben!
01 Hin und weg:
Fahrten
in die Stadt des ersten Deutschen Meisters im Herrenfußball von 1903
entzweien die aktiven Fanszenen der höchsten deutschen Ligen seit
Jahren. Eine glückliche Fügung ließ den Kelch bisher an mir
vorüber gehen, da ich vor zwei Jahren in Südafrika und letztes Jahr
in Sierra Leone zeitgleich zum Auswärtsspiel in Leipzig zu Gast war.
Boykottaufrufe gab es seitens der aktiven Mainzer Fanszene ohnehin
nie und den Aufruf des Q-Blocks zum diesjährigen Kick, mit dem
jeweils ältesten Schal nach Leipzig aufzubrechen, fand ich kreativ,subtil und jede Unterstützung wert.

Die Schalaktion war ganz großes Kino des "Vereins der tollen Typen"!
02
(N)immer nuff
Einer
meiner Mainzer Freunde, mit dem ich 1995 von der goldenen Stadt am
Rhein bis nach Kapstadt fuhr, wohnt seit Jahren in Leipzig und nach
dem dritten innerstädtischen Umzug mittlerweile vor dem
Zentralstadion. Die WM-Arena sieht ein wenig aus, als wäre sie
direkt aus dem Weltall auf das altehrwürdige „Stadion der
Hunderttausend“ gefallen – dem ehemals größten Stadion
Deutschlands. Oder anders ausgedrückt, die Arena hat das
Zentralstadion plattgemacht. Als Gast musste von der Haustür meines
Freundes erstmal ums halbe Stadion herum laufen, dann die Treppen
nuff, dann die Treppen wieder runter und über eine Brücke in die
Arena rein und dann nochmal runter bis zum Grund des Gästeblocks.
Zurück wird das Ganze dann zur Völkerwanderung für Gäste, da
diese erstmal wieder nuff müssen, um die Arena zu verlassen,
nochmals nuff, um den Stadionwall zu erklimmen und diesen dann runter
zum Flussufer krabbeln. Anschließend wurde es ganz absurd, denn nun
musste man als Gast nach Norden ausweichen, da der Hinweg ums Stadion
vor dem Abpfiff versperrt wurde. Nach 500 Metern Fußmarsch standen
an einer Ausfallstraße wenigstens Shuttlebusse bereit, um den
Mainzer Mob, der zum Großteil aus Familien bestand, zum Hauptbahnhof
zu bringen.

Von wegen RB Arena - das "Stadion der Hunderttausend" heißt immer noch Zentralstadion
03
Kon-Trolle
Persönlich
hatte ich keinerlei Probleme, da in Leipzig klar geregelt war, welche
Kameras ins Stadion reindürfen, jene ohne Wechselobjektiv, und
welche draußen bleiben müssen, jene mit Wechselobjektiv. Da der
Block aber bis kurz vor Anpfiff fast leer blieb, lässt erahnen, dass
die Kontrollen nicht für alle so reibungslos abliefen. Pünktlich
zum Spielbeginn fanden sich aber alle Fans im Inneren des Stadions
ein.

Erwartbar: Brause, aber auch anderes Catering wurde aufgefahren
04
Kampf um den Mampf
Brause
in allen Variationen gab es natürlich zuhauf. Das erinnerte mich ein
wenig an das Coca-Cola-Museum in Atlanta, in dem alle Limonaden des
Konzerns zum Probieren angeboten werden. Alkoholreduziertes lokales
Ur-Krostritzer gab es allerdings auch. Das mit dem Bier ist im
föderalen Deutschland so eine Sache. In manchen Stadien gibt es
immer Bier, teilweise Wein(schorle) und Äppler – komischerweise
meist dort, wo der ortansässige Verein eine große Tradition
besitzt. In manchen Stadien gibt es im Gästeblock nie Alkohol –
komischerweise meist dort, wo es mit der Tradition nicht so weit her
ist. Die alkoholreduzierte Variante gibt es praktisch nie, außer in
Dortmund und in Leipzig. Warum liebe Wolfsburger, Ingolstädter,
Hoffenheimer könnt Ihr Euch nicht mal ein Beispiel nehmen und diesen
Weg gehen? Der Gerstensaft schmeckte halbwegs nach Bier und um sich
wirklich volllaufen zu lassen, müsste man wohl die gesamte Zeit am
Bierstand verbringen. „Fußball, Bratwurst, Bier“ ist ein
Kulturgut und warum man diesen Dreiklang in einigen Stadien pauschal
allen Gästen entziehen muss, erschließt sich mir nicht wirklich. Um
so löblicher, dass es die Supporters Mainz geschafft haben, zum
morgigen Nachbarschaftsduell die handelnden Personen zu überzeugen,
den Alkoholbann fallen zu lassen.

Lebkuchenbier oder Gose? Im Bayerischen Bahnhof gibt's beides zu genießen
Nachkicks
können Bier-Sommerliers in Leipzig noch eine echte lokale
Spezialität entdecken: Die Gose. Sie stammt ursprünglich aus dem
Harz und wurde nach dem Flüsslein Gose benannt. Sie wird unter
Zusatz von Milchsäure, Koriander und Salz gebraut und ist
beispielsweise im Bayerischen Bahnhof Leipzigs zu genießen. Oder
wäre Euch das Lebkuchenbier lieber gewesen?
Und
für Katzenfreunde gibt es den Katzentempel Leipzig. Sechs Katzen aus
dem Tierschutz haben hier eine neue Heimat gefunden. Wenn wir Gäste
zu nervig werden, können sie sich auf vier Pfoten in den „Cat
Restroom“ zurückziehen – einer Katzenklappe sei Dank. Natürlich
zahlen wir für die Speisen und Getränke ein wenig mehr, schließlich
müssen die Katzen ja versorgt werden. Auch auf Fleisch und Alkohol
muss hier verzichtet werden – aber angetrunken durch den
Katzentempel zu fallen kann sicherlich schlimmere Konsequenzen nach
sich führen, als einen zuviel im Gästeblock gekippt zu haben –
von daher ist hier diese Abstinenz vollkommen nachvollziehbar.
05
Käfighaltung
Die
WM-Arena besitzt nur Sitzplätze. Ob das der Grund ist, dass es für
den Gästeblock keine ermäßigten Plätze gab? Sprich, selbst ein
Säugling hätte 16 € für einen Platz bezahlt. Auf der Heimseite
gibt es hingegen Ermäßigungen für Kinder und Co. Die Bayern-Fans
haben sich zurecht darüber beschwert, dass sie beim Spiel in Athen
statt 15 € (wie im Heimbereich) 35 € im Gästebereich zahlen
mussten (und von der UEFA Recht bekamen, da AEK jetzt wenigsten 10 €
pro Fan zurückzahlen muss). Aber auch die kleinen Ungerechtigkeiten
im Ligaalltag sollten mal thematisiert werden. Und wenn das umgekehrt
auch bei uns so ist, dass es im Gästesitzbereich keine ermäßigten
Tickets für Kinder und Babys gibt, sollte das Thema vielleicht auch
mal angegangen werden.
Eine
vierköpfige Familie zahlt schließlich 64 € für das Spiel, wobei
die Kids vielleicht so klein sind, dass sie vom Spiel selbst gar
nichts mitbekommen können. Gerade in Leipzig und Mainz setzt man
gerne auf Familienfreundlichkeit, da sollte dieses Thema entsprechend
gewürdigt werden.
Die
Sicht vom Block aufs Geschehen wurde nur durch das obligatorische
Fangnetz geschmälert. Nirgends in der Liga kommt man den Spielern
wohl so nahe wie hier in Leipzig. Das war nachkicks auch wirklich
eine gute Sache, denn so konnten die Nullfünfer Jungs bei dieser
bitteren Kälte im Stadion mittels Capo richtig heiß gemacht werden
auf das Spiel gegen die Diva vom Main.

Tolles Projekt: Der Katzentempel Leipzig
Fazit:
Der Jahrgang 2018/2019 ähnelt einem Federweißer: sehr jung, manche
würden sagen traditionsfrei, süß und klebrig und was den Alkohol
angeht eine gewisse Wundertüte. Ein solch austauschbares Konstrukt
hat die wunderbare Stadt eigentlich nicht verdient, aber so lange es
auf der (Spielplan)Karte steht, macht man das Beste draus und genießt
zusätzlich eine tolle Zeit außerhalb des Stadionwalls – zum Wohl!
Rot-weiße Grüße,
Christoph – Meenzer on Tour
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