Mainz, 2. November 2018
Auswärts fahren bietet in unserem
komplett verplanten Alltag eine Möglichkeit, Unplanmäßiges
geschehen zu lassen, überraschend positive Erlebnisse zu sammeln
oder auch negative Erfahrungen zu machen. An dieser Stelle berichte
ich über meine rein subjektiven Eindrücke rund um die jeweilige
Auswärtsfahrt, jeweils mit ein wenig Abstand betrachtet – eine
Spätlese eben!
01 Hin und weg:
Pokalspiele sind für mich oft die
Saisonhöhepunkte schlechthin, da es ab und zu, besonders in der
ersten Runde, neue Gästeblöcke zu betreten gibt, wie bspw. das alte
Poststadion in Berlin beim Berliner AK vor rund 10 Jahren. Wenn es
schon keinen neuen Ground gibt, dann war in der Vergangenheit
wenigstens mal der Gegner neu, wie damals beim Spiel gegen
Rossbach-Verscheid. Ich denke immer noch gerne an die
grandiose Supporters-Schifffahrt den Rhein hinab zum Oberwerth
zurück. Aue dieses Jahr war gefühlt ein neues Stadion, das ich
zwar 2008 in der zweiten Liga bereits mitnahm, aber mittlerweile
hatte dieses wenig mit dem alten Erzgebirgstadion zu tun, so dass das wenigstens ein kleine Neuerung war. Nun also
Augsburg, wo wir mittlerweile jahrein jahraus in der Bundesliga
zu Gast sein dürfen. Was also sollte da noch besonders sein? Zum Glück
gibt’s ja die Deutsche Bahn, mit der es bekanntlich nie langweilig
wird. Das liegt auch oft an den zahlreichen Baustellen, die es
landauf landab in der ganzen Republik gibt. Aktuell in Ulm, so dass
der Zug zwischen Stuttgart und Augsburg über Aalen und Donauwörth
umgeleitet wurde. Und hinter Aalen war dann tatsächlich auch für
mich in dieser Pokalsaison Neuland abzufahren. Gerade die Rückfahrt
am Mittwochmorgen vorbei an nebelverhangenen Flüsschen
über Alb-Hochflächen im ersten Licht der Sonnenstrahlen bestätigten mich mal
wieder, dass der Herbst für Fotografen einfach die schönste
Jahreszeit ist und wir in einem richtig hübschen Land dem Ball
hinterherfahren.

Bahnfahren im Herbst durch Schwaben
02 (N)immer nuff:
Die letzten Meter sind bekanntlich oft
die schwersten. Drei Stunden vor Anpfiff angekommen, machte ich den
Anfängerfehler und trödelte in der schönen Stadt herum, wohlwissend, dass
der Straßenbahnpendelverkehr in Augsburg wunderbar funktioniert. Ich
hätte nie geglaubt, dass ich vorkicks noch ein Novum auf dieser
Auswärtsfahrt erleben würde. Aber auf Auswärtsspielen kommt es ja
oft anders als man denkt. Am Hauptbahnhof hieß es plötzlich, dass
aufgrund eines Polizeieinsatzes die Bahnen zunächst gar nicht mehr
fuhren und später nur noch bis zum Messegelände, das grob gesagt
der Entfernung der Messe Mainz zum Stadion am Europakreisel
entspricht. Angeblich hätten Ultras des FCA Pyro in der Straßenbahn
gezündet. Nach Angaben der Augsburger Fanhilfe war das eine
Halbwahrheit, denn es wurde nach deren Aussage während eines
Fanmarsches der Fuggerstädter ein Feuerwerkskörper in die Nähe
einer Straßenbahn geworfen. Rauchschwaden zogen daraufhin in die Bahn
hinein. Dabei wurde ein Polizeibeamter verletzt. Weiterhin erklärt
die Augsburger Fanhilfe, dass danach der Straßenbahnverkehr aufgrund
des erwähnten Polizeieinsatzes teilweise eingestellt wurde, um
Personenkontrollen durchzuführen. 75 Minuten vor Spielbeginn war ich
mir plötzlich nicht mehr sicher, zum Anpfiff im Stadion zu sein.
Seit Jahren fahre ich inkognito auswärts, also ohne
Nullfünfklamotten sichtbar zu tragen. So sprachen mich zwei
Augsburger an der Haltestelle an, ob wir uns ein Taxi teilen wollten.
Eine ältere Dame bestärkte uns in der Entscheidung fürs Taxi, da
sie meinte, es würde höchstens 20 Euro kosten. Ruckzuck hatten wir
noch einen vierten Fan gefunden und schon erklärten wir dem
Taxifahrer, dass wir „zum Stadion“ wollten. Mein
Orientierungssinn sagte mir recht schnell, dass hier etwas nicht
stimmte. Zum Glück sagte auch der eine Augsburger plötzlich zum
Fahrer „Sie wissen schon, dass wir zum Fußball wollen?“. Der
Taxifahrer schreckte zusammen und meinte „Wie? Nicht Eishockey?“.
Ein großes Raunen im Auto und unser Fahrer wechselte im Handumdrehen mal schnell die Spur.
Danach sprach der Fahrer entschuldigend aus „Fußball ist doch in
der Arena!“. Arena! Argh... Danke für nichts, moderner Fußball ;-) Aber Augsburg
ist ja nicht Berlin und somit erreichten wir noch lange vor dem
Anpfiff das Schwabenstadion.

Die Jedi-Schwert-Arena zu Augsburg
03 Kon-Trolle
Das Glasflaschenverbot rund ums Stadion
kennt ja mittlerweile jeder, der schon mal im Schwabenstadion zu Gast
war. Dass man aber seine Bierdose noch nicht mal bis zum Gästeblock
mitnehmen durfte und bereits 200 Meter vor dem Block diesbezüglich
kontrolliert wurde, ist einfach pure Schikane. Welchen Sinn macht
es, die Dose schnell auszutrinken, um dann in Richtung
Gästeblock weiterzulaufen? Dort dann die nächste Überraschung für
meinen Mitfahrer im Taxi: Dieser ist 05-Fan aus München, (weil der Papa aus
Mainz stammt – sehr löblich), und er wollte bargeldlos eine Karte
für das Spiel erstehen. Debit- oder Kredit-Karten haben im
Schwabenstadion noch nicht Einzug gehalten. Damit er das Spiel sehen
konnte, streckte ich ihm die Kohle vor und weiter ging es zur
eigentlichen Kontrolle. Diese verlief recht unspektakulär, bis
auf die Tatsache, dass ich meine Kamera abgeben sollte. Bereits seit zehn Jahren
fotografiere ich nicht mehr mit einer Kamera mit Wechselobjektiv, da
dies mittlerweile fast bundesweit verboten ist. Die neue Kamera, (die
alte ist mir letzte Saison in Dortmund mit dem Klassenerhalt kaputt
gegangen), hatte bisher noch niemand beanstandet, weder in Aue, noch
in Leverkusen, Schalke oder Gladbach…aber natürlich in Augsburg.
Der Supervisor erteilte mir schließlich doch noch den Segen und hinein in den
Disko-Stadl, denn das Stadion, das ich bisher nur tagsüber in seiner
Collage aus Grautönen bestaunen durfte, erstrahlte jetzt durch rote,
grüne und weiße Jedi-Ritter-Lichtschwerter.

FCA "Willkommenskultur"
04 Kampf um den Mampf
Mit Karten kann man in Augsburg zwar
keine Tickets kaufen aber ohne Karte gibt’s in Augsburg dafür nichts
zum Essen oder Trinken. In der Stadt Augsburg existieren zahlreiche
Hausbrauereien mit richtig leckerem Bier. Schrieb ich letzte Woche
noch, dass das Bolten in Gladbach mit die einzige lokale Brauerei in
der Liga ist, die noch im Stadion ihr Frischgezapftes anbieten darf,
muss ich das nun revidieren, schließlich wird im Stadion
Riegele-Bier ausgeschenkt – auch im Gästeblock, aber alkoholfrei,
abends, zum Pokal… Ach FCA, Du machst es einem aber auch arg
leicht, Dich als wahrlich „guten“ Gastgeber zu outen.

Liebesgrüße aus Augsburg
05 Käfighaltung
Als „guter“ Gastgeber stellst Du,
lieber FCA, natürlich für uns Nullfünfer auch extra eigene
Toiletten zur Verfügung: Eine Reihe Dixis vor dem Stadion, wartete
darauf, befüllt zu werden. An den eigentlich auch in Augsburg
vorhandenen, aber verschlossenen Toiletten hing ein Hinweis, dass
beim letzten Gastspiel der Nullfünfer die Stadiontoiletten
beschädigt worden waren. Wie war das noch mit Kollektivstrafen des
DFB? "Sippenhaft" ist anno 2018 wieder vollkommen en vogue. Pyro,
Grafitti, Vandalismus sind alles Dinge, die verboten sind. Dafür
gibt es Strafverfolgungsbehörden, die mit ihren Mitteln versuchen,
diese Delikte aufzudecken. Warum aber gerade beim Fußball die
heterogene Schar von Kutten, Familien, Nerds, Ultras, Groundhoppern,
Modefans und Traumlebenden in einen Topf geschmissen wird, und die
Fußballfans die Taten einzelner ausbaden dürfen, verstehe ich
nicht. Immer mehr Menschen haben keine Lust mehr auf das „Erlebnis
Stadion“. Gerade einmal 15.600 Eintrittskarten wurden für das
Spiel in Augsburg verkauft – Zuschauerschwund ist nicht nur ein
Nullfünf-Problem. Und ob es tatsächlich alle Leute ins Stadion
geschafft haben, die im Vorverkauf ein Ticket erstanden hatten, ist
zweifelhaft, da ja der Straßenbahnverkehr unterbrochen worden war, um
zahlreiche FCA-Fans für das Fehlverhalten einer Einzelperson oder weniger Leute büßen
zu lassen. Eine Werbung für das „Erlebnis Stadion“ war das am
Dienstag leider nicht, noch nicht mal für Fans des siegreichen FCA.

"Publikumsmagnet" DFB-Pokal
Fazit: Der Jahrgang 2018/2019 besticht
durch die eine interessante Anreise zu einem der
„gastfreundlichsten“
Clubs der Republik – zum Wohl!
Rot-weiße Grüße,
Christoph – Meenzer on Tour
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